Gibson stand einige Meter entfernt in der Nähe des Ruders und sprach mit dem Rudergänger. Dabei behielt er sie immer im Blick. Ellen erinnerte sich nicht mehr genau an den Weg in den Laderaum. Außerdem wäre sie sowieso nicht unbemerkt an Gibson vorbeigekommen.

„Mr Gibson, würdet Ihr mir das Schiff zeigen?“, bat sie ihn, damit sie wenigstens in die Nähe des Laderaums kam. Sicher würde ihr bis dahin etwas einfallen, wie sie ihn los wurde. Gibson nickte. Wenn auch mit verkniffenen Mundwinkeln. John Webber war wohl bislang der Einzige, der ihre Anwesenheit freundlich aufnahm. Mit schnellen Schritten stieg Gibson den Niedergang hinab, ohne darauf zu achten, ob sie ihm folgte. Die Stufen waren schmierig von der ständig in der Luft liegenden Feuchtigkeit. Ellen umklammerte die Handläufe und folgte Gibson mit vorsichtigen Schritten. Das Schiff bestand aus drei Unterdecks. Den Boden bildete die Bilge. Ein unbegehbarer Raum, ähnlich dem Spitzboden eines Hauses. In ihr sammelte sich eingedrungenes Wasser, das nicht wieder hinauslaufen konnte und das man bei ruhiger See beständig schwappen hörte. In den warmen Regionen faulte es und der verwesende Gestank zog durch die Ritzen nach oben. Ein ähnlicher Geruch empfing Ellen, als Gibson die Unterkunft der Seeleute betrat. Wie die meisten anderen Räume, wurde auch dieser nur von Öllampen beleuchtet. Es gab kein Fenster. Hängematten baumelten in bedrückender Enge herab. Decken und Kissen knüllten sich darin. Unzählige weitere Matten hingen aufgerollt an der niedrigen Decke. Entweder stießen die Männer beim Schlafen ständig aneinander oder hatten das Hinterteil desjenigen vor dem Gesicht, der in der Reihe darüber schlief. Schnarchen, schmatzen, grunzen, furzen - den Geräuschpegel mochte Ellen sich nicht vorstellen. Im Moment war jedoch keine der Hängematten belegt. Quer zur Außenwand standen mehrere Holzkisten, die als Stauraum für die Seeleute und als Sitzgelegenheit gleichermaßen dienten. Durch aufgelegte Bretter wurden sie zusätzlich als Tisch nutzbar. An einem saßen drei Männer und spielten Karten. Zu dem Gestank menschlicher Ausdünstungen gesellte sich der ranzige Geruch verbrannten Öls. Ellen konnte nicht sagen, welche Vorstellungen sie von den Unterkünften gehabt hatte. So entsetzliche jedenfalls nicht.

Die Männer sahen argwöhnisch zu ihr hinüber, fast lauernd. Wie ein gefährliches Tier, dessen Angriff man jeden Moment erwartet. Sie trat zwei Schritte zurück.

„Habt Ihr wirklich kein Gepäck?“ fragte Gibson, während sie weitergingen.

„Mit einer schweren Tasche am Arm wäre es mir kaum gelungen, mich über dieses Tau aufs Schiff zu hangeln.“

„Die Trosse.“

„Meinetwegen auch die Trosse. Selbst ohne Gepäck war es schwierig genug.“

Gibson gab einen grunzenden Laut von sich. „Wollt Ihr weiterhin in Seemannskleidung herumlaufen?“

„Habt Ihr eine Idee, wo ich was anderes herbekomme?"

Gibson grunzte erneut. Seine Gedanken versteckte er hinter einem unbeteiligt wirkenden Ausdruck. „Wenn Ihr wärmere Kleidung benötigt, fragt Whelan. Er ist der Quartiermeister.“

Ellen rechnete nach. Inzwischen hatte sie mitbekommen, dass Cook auf dem Weg nach Neuseeland war. Somit erreichte die Resolution die kalten Regionen des Nordens frühestens in einem Jahr. Nicht auszudenken, wenn sie dann immer noch auf dem Schiff festsaß. So viele Jacken, Pullover und Hosen wie sie bei minus zwanzig Grad ohne Heizung brauchen würde, gab es auf dem Schiff gar nicht. Ellen drehte sich um. War hier nicht irgendwo der Laderaum, in dem Gibson sie gefunden hatte?

„Liegt Euer Seesack noch beim Captain?“, erkundigte er sich.

Ellen nickte.

„Gut, wir holen ihn gleich.“ Gibson deutet auf eine Tür. „Diesen Laderaum kennt Ihr ja.“

Ellen blieb stehen. Hinter dieser Wand gab es Strom, Telefon und Komfort. Hinter dieser Wand wartete die Sicherheit ihrer Wohnung.

„Kommt weiter!“ Gibsons Arm wies den Gang hinunter. Am liebsten hätte sie ihn einfach stehen lassen und wäre in den Laderaum gerannt. Nur um sich zu vergewissern, dass der Rückweg nicht versperrt war. Wenn sie jederzeit nach Hause konnte, sprach ja nichts dagegen, sich noch eine Weile umzusehen.

„Miss!“, sagte Gibson.

Widerstrebend folgte sie ihm, den Blick noch für einige Schritte rückwärts auf die Tür zum Laderaum gerichtet. Gibson öffnete eine weitere Tür. Schon von draußen gab es keinen Zweifel, wer in dem Raum hauste. Das Gebrüll von Rindvieh und Schafen war unüberhörbar. Der Gestank von Fäkalien schlug ihr entgegen. Es gab kaum Licht.

Ellen hielt sich die Hände vor Mund und Nase. Die Schweine wühlten grunzend hinter einer Absperrung aus Holzlatten in altem, kotverschmierten Stroh. In Ständerboxen standen zwei Kühe und sogar ein Bulle. Sein massiger Schädel trug zwei Hornstumpen, mit denen er gegen die Wände schlug. Dunkelbraunes Fell lockte sich auf seiner Stirn und zwischen den Ohren. Aus seinem Maul lief Speichel. Er brüllte das Elend seiner Existenz heraus, das niemanden zu interessieren schien. Bunte Hühner scharrten zwischen frei umherlaufenden Ziegen und Schafen herum. Weiter hinten entdeckte Ellen zwei angebundene Pferde. Bauch und Flanken waren von Mist verkrustet. Ellen streckte die Hand nach dem feingliedrigen Braunen aus, streichelte ihm über den Hals und sprach leise mit ihm. Er schnaubte und trat einen Schritt zur Seite. Eine Henne, die zu seinen Füßen scharrte, flatterte gackernd auf und flüchtete auf einen Querbalken. Fassungslos sah Ellen sich um. Sie bekam schon ein schlechtes Gewissen, wenn sie Ambers Toilette einen Tag lang nicht säuberte.

„Mir fehlen die Worte“, sagte sie. „Die armen Tiere.“

„Wieso arm? Das Vieh muss nicht hungern. Jedenfalls nicht mehr als wir.“ Gibson zuckte mit den Schultern. Ellen drehte sich zu ihm um. Er stand noch immer in der Tür. Ungerührt, ohne jedes Gespür für die Bedürfnisse eines Tieres.

Am schlimmsten traf sie, dass sie an diesen Verhältnissen nicht das Geringste ändern konnte. Mit dem unguten Gefühl, die Tiere ihrer qualvollen Zukunft überlassen zu müssen, folgte sie Gibson ins Zwischendeck. Rechts und links des Ganges lagen die Kajüten der Offiziere und Wissenschaftler, die Messe und die Kombüse.

„Das war alles“, sagte Gibson und blieb vor der Messe stehen. Die Besichtigung hatte keine fünfzehn Minuten gedauert.

Die Resolution maß vierunddreißig Meter in der Länge, elf Meter in der Breite und hatte vier Meter Tiefgang. In Ellens Vorstellung war ihr das riesig erschienen. Doch die Realität offenbarte niedrige Decken, dunkle Gänge und winzige Räume, in denen man kaum atmen konnte. Kein Gefängnis konnte schlimmer sein. Ellens Seesack lag auf dem Gang. Sie ergriff die Kordel und schwang ihn über die Schulter.

„Gebt mir das!“ Gibson unterstützte seine Worte mit einer winkenden Handbewegung.

„Ich kann meine Sachen alleine tragen“, erwiderte Ellen.

Wortlos nahm er ihr den Seesack ab und marschierte drei Türen weiter. Er klopfte. Erst als er keine Antwort erhielt, öffnete er die Tür. Mit einer lockeren Bewegung aus der Schulter warf er den Seesack auf die untere der beiden Kojen. Dann tippte er sich an die Stirn und ging in dieselbe Richtung zurück, aus der sie gekommen waren. Ellen schloss die Tür hinter sich. Sie war allein. Plötzlich begannen ihre Knie wieder zu zittern. Sie ließ sie auf die untere Koje sinken. Minuten verstrichen, in denen sie bewegungslos sitzen blieb. Fest umschlossen ihre Finger die Holzumrandung der Koje, bis es schmerzte. Dann stand sie abrupt auf.

Die Kajüte war so winzig, dass Ellen nach dem Eintreten direkt vor den beiden übereinanderliegenden Pritschen stand, die die komplette Außenwand einnahmen. Links stand ein schmaler Holzschrank, davor ein klappriger Holzstuhl. Mehr gab es nicht.

Nur das Laufrad fehlte. Unwillkürlich musste sie grinsen. Dagegen war die Kapitänskajüte der reinste Tanzsaal. Eingepfercht wie die Hühner in einer Legebatterie gab es für die Seeleute keine Privatsphäre. Keine Eigenart, kein menschliches Bedürfnis blieb dem anderen verborgen. Dieses Leben forderte den Männern ein hohes Maß an Toleranz ab. Oder Gleichgültigkeit. Noch einen Tag zuvor hatte sie Cook für seine Leistungen in der Kartografie der Erde bewundert. Doch die eigentliche Leistung dieser Reisen war, dass die Männer sich unter diesen Bedingungen nicht gegenseitig die Kehlen durchschnitten. Nicht nur Cook gebührte Ruhm. Seine Mannschaft verdiente die gleiche Hochachtung.

In diesen zwei Stunden an Bord hatte sie mehr gesehen, als ihr lieb war. Sie wollte nur noch eins - zurück nach Hause. Ellen trat hinaus auf den Gang. Sie orientierte sich kurz und schlug den Weg Richtung Unterdeck ein. Ein junger Matrose kam ihr entgegen. Er zog seine Strickmütze ein wenig tiefer in die Stirn und hastete mit gesenktem Kopf an ihr vorbei.

Ellen schaute sich prüfend um, ob sie jemand bemerkte. Dann betrat sie den Laderaum.

Die Nische, in der Gibson sie aufgefunden hatte, lag greifbar nah.

„Was macht Ihr denn hier?“

Ellen fuhr herum. Bligh tauchte zwischen den Fässern auf. In der Hand hielt er eine flackernde Lampe, die zitternde Lichtreflexe auf seine Haut warf.

„Äh, ich habe mich wohl verlaufen.“ Hitze stieg ihr ins Gesicht.

„Wohin wolltet Ihr denn?“

„In meine Kajüte.“

„So, so“, sagte er. Seine Mundwinkel verzogen sich amüsiert. „Folgt mir.“

Ellen ärgerte sich über sich selbst. Eine lahmere Ausrede hätte sie kaum finden können. Kein Wunder, dass er ihr nicht glaubte. Vor der Kajütentür blieb Bligh stehen. Sie bedankte sich höflich, obwohl ihr mehr der Sinn danach stand, ihn zum Teufel zu schicken. Schnell fragte sie ihn noch nach der Uhrzeit. Dann ging Bligh Richtung Messe davon.

Bis zum Abendessen blieben ihr nur fünfzehn Minuten. Zu wenig, um erneut den Laderaum aufzusuchen. Dann lachte sie kurz auf. Was scherten sie Cooks Anordnungen? In wenigen Minuten würde das alles hinter ihr liegen.

Und was, wenn nicht?, fragte eine bösartige Stimme in ihrem Kopf.

Nein, der liebe Gott oder wer auch immer für ihr Hiersein verantwortlich war, konnte nicht so unbarmherzig sein. Mit der Zuversicht dieses Gedankens, schlug sie erneut den Weg Richtung Laderaum ein. Im Vorübergehen nahm sie eine der Lampen vom Haken. Dieses Mal begegnete ihr niemand.

Die Nische sah völlig unspektakulär aus. Nichts weiter als zwei Quadratmeter unauffälliger Raum. Ellen fragte sich, was sie erwartet hatte? Einen Lichtbogen, durch den sie hindurchgehen konnte? Eine Tür, die nur sie selbst sehen und öffnen konnte? Ein schwarzes Loch im Raum, einem Tunnel ähnlich? Das war jetzt aber wirklich Kinderkram. Andererseits - welche Vorstellung sollte sie sonst haben? In einer Zeit lange vor ihrer eigenen zu landen, war so unvorstellbar, dass es dafür keine logischen Erklärungen geben konnte. Einfach alles in diesem Zusammenhang musste verrückt sein.

                                           

Auf den Knien, die Lampe dicht vor dem Gesicht, strich Ellen Zentimeter für Zentimeter der Bohlen ab. Sie kratzte winzige Fetzen des Wergs aus den Fugen und klopfte die Wände ab, ohne zu wissen, wonach sie eigentlich suchte. Das verbrannte Öl roch ranzig und ihre Wangen glühten von der Hitze, die die Lampe abstrahlte. Spinnweben hefteten sich an ihr Haar und blieben an ihren Fingern kleben. Winzige, harte Kotwürstchen und gelegentliches Wispern und Fiepen zeugte von der Anwesenheit heimlicher Bewohner. Nachdem Ellen sich zwei Fingernägel abgebrochen und nichts Außergewöhnliches gefunden hatte, setzte sie sich auf eines der festgezurrten Fässer. So kam sie nicht weiter. Womöglich lag die Antwort in dem, was sie gemacht hatte, kurz bevor sie das Bewusstsein verlor. Obwohl erst zwei Stunden seit ihrem Erwachen im Laderaum vergangen waren, fiel es Ellen schwer, sich an die letzten Begebenheiten zu Hause zu erinnern. Ihr Kopf fühlte sich nach wie vor an, als wäre er dick verpackt. Sie hatte ein Bad genommen. Das wusste sie noch genau, wegen der Kleidung, die sie getragen hatte. Und dann? Ellen schloss die Augen.